Was wir Mütter uns gegenseitig nicht erzählen

INTRO: Ich möchte mich vorab bei allen Bloggerinnen entschuldigen die ich noch nicht wahrgenommen habe, oder die ich falsch verstanden habe. Ich will niemanden persönlich beleidigen. Ich will jedoch schon im folgenden Artikel eine kritische Meinung mitteilen die sich auf Postings und Beiträge von so manchen Müttern bezieht.

Wir Mütter haben alle unsere ganz persönlichen Sorgen, Unsicherheiten und viele Fragen. Der Austausch (egal wo) soll dazu dienen, sich voneinander Gutes abzuschauen. Sich gegenseitig Mut zu machen und auch um sich gegenseitig die Unvollkommenheit zu verzeihen. Unter dieser Prämisse findet das alles immer statt. Man sollte nach einem Eltern-Kind-Treffen mit einem guten Gefühl nach Hause gehen. Durch einen Schwangerschaftsvorbereitungskurs Ängste abbauen. Wie oft ist das in der Praxis der Fall? Leider sind auch meine Begegnungen mit Online-Foren und Blogs rund um das Thema Kindererziehung und Säuglingspflege keine guten.

Irgendjemand hat immer den erhobenen Zeigefinger und spottet auf andere. Starke Frauen könnten kontern und behaupten, dass sie so etwas ignorierten. Aber welche liebende Mutter ist im Hinblick auf ihr eigenes Kind durchwegs selbstsicher und stets einer festen Überzeugung das Richtige zu tun. Das halte ich für fast unmöglich. Selbst wenn man schon zum dritten Mal ein Kind groß zieht und sogar dann, wenn man als Großmutter ins Spiel kommt.

Bei meinen – ja, zugegeben! – oberflächlichen Recherchen rund ums Bloggen, sind mir immer wieder gleiche Muster aufgefallen. Und zwar jene die am meisten erfolgsgekrönt waren. Als Beispiel:

Eine Mutter die zwar nicht berufstätig ist, oder ihren Blog als Brotjob postuliert, schreibt über die Alltagsherausforderungen im Kontext der Elternschaft: „Wie wir uns gegenseitig Zeit zum Durchatmen schenken“. „DIY“. Ich musste zuerst recherechieren wofür die Abkürzung steht. [Do it yourself].  „Anleitungen zum Leben ohne Pampers-Windel – Spüre den Stuhlgang deines Babys und werde nachhaltig“. „Kostengünstige Ausflugsziele, ein Spaß für die ganze Familie“. …

Honestly? Ich bin vielleicht einfach nur sau-neidisch auf euch die ihr über Themen diskutieren könnt die sich bei mir gar nicht auftun, da mein Alltag das gar nicht hergibt. Ich muss zusehen, dass ich durchkomme. Nicht ausschließlich, zum Glück. Aber viel Zeit fürs Ideologisieren, oder Experimentieren habe ich nicht. Ich habe Niemanden dem ich Zeit zum Durchatmen schenken kann, oder umgekehrt da ich alleinstehend bin. Ich hätte auch niemals die Kraft gehabt mein Baby ohne Windeln groß zuziehen. Und ich hatte auch nicht das Geld für teure Öko-Kleidung, Tragetücher mit passender Winterjacke und was man sonst noch zur bescheidenen Erstausstattung zählt. Ich hatte dafür einen Luxus-Kinderwagen, der wurde mir geschenkt. Der Kinderwagen war vielmehr ein Einkaufswagen mit einem zeitweise schreienden Baby darin oder ein „Hier-Kommst-Du-Nicht-Rein“-Gestell auf vier Rädern.

Die Zeit im Wochenbett und auch danach war sehr hart
für mich. Und obwohl ich die ersten drei Jahre mit dem Kindesvater zusammen gelebt habe, fühlte ich mich oft einsam. Mir fehlte die regelmäßige Anteilnahme anderer. Klar ich habe und hatte zum Glück immer schon Freunde und auch ein bisschen Familie um mich herum. Aber ich hatte immer wieder das Gefühl ohne Ausnahme für Alles alleine verantwortlich und völlig überfordert zu sein, selbst wenn das nicht den Tatsachen entsprach. Ich hatte eher nur gelegentlich Austausch mit anderen Eltern und überall dort wo der „Mütter-Talk“ veranstaltet wurde, fühlte ich mich super unwohl.

Ich fühlte mich manchmal sogar richtig asozial während ich auf Kinderspielplätzen unterwegs war, oder beim Babyschwimmen im Dianabad. Ich hatte das Gefühl nicht mithalten zu können mit den Bilderbuch-Eltern rundherum. Ich hatte immer wieder einmal ziemliche Downs und nach dem beruflichlichen Wiedereinstieg nach 13 Monaten „Babypause“ (was für eine missverständliche Betitelung für eine Zeit die man nur als Ausnahmezustand bezeichnen kann. Jedoch nicht als Pause), sogar Panikattacken. …dazu ein anderes Mal!

Mums die sich ablichten lassen als wären sie gerade vom Yoga-Retreat zurück gekommen und gleichzeitig der Welt erzählen wie tragisch z. B. schlaflose Nächte sind, vermitteln mir das Gefühl auf Kosten anderer „gefeiert“ werden zu wollen. Über die gesellschaftlichen Auswirkungen sind sie sich vielleicht nicht bewusst…

Meine Aufregung darüber klingt möglicherweise völlig überzogen für viele von euch, weil ja jeder der Social Media praktiziert und konsumiert weiß, dass es üblich ist die Tatsachen zu verzehren um sich selbst ins bessere Licht zu rücken. Im Zusammenhang mit Moral, Ethik und Kindererziehung finde ich es aber unpassend und irgendwie auch sau peinlich.

Addendum: Ein geiler Butt braucht keinen Hashtag und Appelle wie diese: „Lasst uns nie vergessen, wie wichtig Friede und Liebe sind!“

Bitte nicht böse sein, lieber Leser! Ich will Niemanden diffamieren. Aber, ich möchte dem Trend der sich in letzter Zeit stark durchgesetzt hat auch ein wenig Paroli bieten. #ich bin schöner als du und #mein Leben ist besser als deines in Kooperation mit #und ihr so? Wisst ihr was ich meine?

Ich schaue gerne hin, wenn eine Person auf dem Foto sexy ist, ich schaue gerne hin, wenn ein Bild makellos ist. Ich fühle mich angespornt auch mal wieder einen Smoothy zu trinken statt Kaffee, wenn meine Insta-Community gefühlte 365 Tage im Jahr healthy food postet. Soweit so gut. Ich respektiere diese Fake-Welt. Ich bin selbst auch ein Teil davon. Und ich will auch immer wieder einmal etwas darstellen das ich in Wahrheit vielleicht nicht bin. Ich will auch einfach einmal nur „sch-o-a-f“ aussehen und wenn es dafür ein paar Filter braucht, ist das auch okay. Denn es kostet nicht einmal etwas. Nennen wir es Selbstinszinierung. Es ist in Ordnung und wurde auch zu Zeiten vor Social Media praktiziert. Menschen wollen sich gut fühlen, Zuspruch bekommen und bewundert werden. Kein Thema.

Die großen Challenges im Alltag (mit und ohne Kinder) bewältigen aber vor allem jene Menschen die weder Zeit haben einen Blogbeitrag zu lesen, oder gar selbst einen zu schreiben. Ich kann das auch nur tun, weil ich derzeit eine Jobunterbrechung habe. Ich möchte die Zeit nutzen um einerseits Dinge zu tun die mir Spaß machen und auch um Etwas zu bewirken: Gelegentlich Tabus brechen, Dinge aussprechen die sich alle schon gedacht haben, „aber jetzt ist es (wieder einmal) gesagt, oder geschrieben worden“. Ich will aber nicht übermoralisieren sondern jedem von uns Spaß und künstlerische Freiheit gönnen.

Ich hoffe allerdings, dass die Solidarität zwischen uns [ ] wieder wertvoller wird als die Selbstdarstellung. Ich denke Ehrlichkeit, aber auch Selbstironie sind dafür gute Begleiter.

4 Kommentare

  1. Tinka

    Liebe MaVa!

    Prinzipiell gebe ich dir recht. Es gibt zu viele Blogs in denen immer alles perfekt scheint und die einem an sich selbst zweifeln lassen. Es gibt aber auch genau so viele Mama Blogs die das Leben zeigen wie es nun mal ist. Mit all seinen Höhen und Tiefen. Und immer mit einem Augenzwinkern und einem herzhaften Lacher über sich selbst. Aber was ich noch viel schlimmer finde als Blogs bei denen rund um die Uhr die Sonne scheint (den die muss ich ja nicht lesen, ist ja meine freie Entscheidung) sind die Mütter die andere rund machen weil sie ihr Kind mit Fieber nicht in den Kindergarten stecken. Die am Zahnfleisch daher kommen weil das Kind auch mit 2,5 halt noch nicht verlässlich durch schläft und sie selbst daher öfter als normal selbst krank sind. Darin sehe ich leider auch kein miteinander und kein gegenseitiges unterstützen. Es gibt so viele Arten von gegenseitigem fertig machen und das nicht nur von über Mamas.

    1. Mava Life

      Hallo Tinka, ich habe mir schon öfter gedacht, den Titel für diesen Artikel zu ändern. Er ist zwar provokant formuliert und weckt bestimmt bei vielen Interesse das darunter zu lesen. „Die Antwort“ ist zu kurz gegriffen. Ich glaube das wolltest du damit sagen? 😉 Und da gebe ich dir recht!

      Vielleicht hast du Interesse einen Gastbeitrag zu schreiben, über deine Erfahrungen zu berichten? Auch von mir wird in Zukunft noch viel kommen, Inhalte die etwas persönlicher sind und tiefer gehen. Alles zu seiner Zeit…🌞Lg

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