Über den Prenzlauerberg in Wien

INTRO
Ich vermute, du wirst dir denken: „Ich kann mir schon vorstellen was jetzt kommt“. Ich schlage vor, wir sehen uns unten in den Kommentaren wieder und diskutieren dann darüber ob du recht hattest. Meanwhile: Viel Spaß beim Lesen und Vergleichen!

Seit fast einem Jahr wohne ich in der Nähe des Bahnhofs, im 15. Bezirk, oder wie meine Mutter sagen würde: Im Glasscherben-Viertel. Nehmen wir an, ich würde eine zufällige Person aus Deutschland, die zufällig noch nie in Wien war, aber ein bisschen etwas von der Welt gesehen hat, fragen was sie sich unter dem Bahnhofsviertel vorstellt, dann wäre die Antwort höchstwahrscheinlich treffsicher.

Zur Auflösung: Meine Gretz´l-Hauptstraße ist die Äußere Mariahilferstraße. Hier gibt es ein Überangebot von Handyshops, Wettbüros und Schnellimbissen. Das Nahrungsangebot reicht von gebratenen Nudeln mit Chicken bis hin zum klassischen Döner mit ohne Scharf. Politisch sensible Menschen würden mich vielleicht lynchen bei folgender Bemerkung: Die Leute auf der Straße hier sehen zum Teil voll hart aus, so als ob sie jederzeit bereit wären eine Bombe zu legen, wenn man sie denn ausreichend „produzieren“ [provozieren] würde.

Um die eventuell entstandene Aufregung zu dieser Behauptung gleich wieder abzumildern, folgendes:

Die Leute hier sind natürlich keine Bombenleger und meine persönlichen Begegnungen waren immerzu positiv. Wann immer ich beim Imbiss um die Ecke eingekauft habe – Szenario: Blondine mit arschkurzer Hose, T-Shirt, kein Kopftuch auf, kauft sich ein Dosenbier– die Leute stets freundlich. Mein Sohn bekommt jedes Mal Etwas geschenkt. Papa Türk hat mir an einem Feiertag, als ich kein Brot mehr zu Hause hatte, extra eines aufgebacken und sogar geschenkt. Begründung: Das Brot wird nicht zum Verkauf angeboten nur wenn mit ohne Scharf.

Im Handyshop bekam ich ebenso eine freundliche und ausdauernde Beratung, gratis Kopfhörer und Garantie für 2 Jahre. Einziger Minuspunkt, es geht nur Barzahlung!

Kurzum: Ich bin immer wieder etwas eingeschüchtert von den wie Machos aussehenden Männern hier, aber noch nie war jemand nicht hilfsbereit.

Ich habe das Gefühl, bis ich endlich im 7. Bezirk angekommen bin, könnten noch Stunden vergehen zu Gunsten meiner 15.-Bezirk-Erlebnisse und das obwohl der 7. Bezirk so nahe ist.

Man muss nur den Gürtel überqueren und schon ist man auf der guten Seite. So fühlt es sich an. Umweltschonend. Homogen. Vorhersehbar. Akademiker eingehüllt in einer Kleidung die ich nicht beschreiben kann. Jedenfalls nichts Sexistisches, nichts Laszives, eher geschlechtsneutral. Könnte feministisch gemeint sein. Ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass die Menschen die hier leben aus tiefster Überzeugung für eine bessere Welt kämpfen, vielmehr gelten sie bereits als die bessere Welt.

Szenario:  Ein Mann mit Muschibart und Chai Latte sitzt vor einem Rechner. Der Rechner ist so smart und teuer wie alle meine Innenraummöbel zusammen nicht. Er trägt eine Hornbrille damit er gut sehen kann und seine Brusthaare ranken durch den V-Ausschnitt. Ist ein V-Ausschnitt ein Code, so wie Merkels Raute? Und warum funktioniert dieser Stil so konsequent? Es kann doch kein Ladenbesitzer in Wien-Neubau je einen Dresscode dieser Art verlangt haben. Es fasziniert mich jedes Mal. Wahrscheinlich sind die Bewohner des 7. Bezirks sehr anpassungsfreudig oder sie zogen sogar extra für dieses So-Sein hier hin.

Meine Verwandten zogen vor zirka 30 Jahren in diesen Bezirk. Sie waren so etwas wie die original Bobos. Es bedurfte damals einer Portion Mut um in Gürtelnähe zu wohnen. Sie hatten den Erzählungen nach aus reiner Geldknappheit eine Wohnung im Siebten genommen. Es gab kaum Leben in diesem Bezirk, außer ein Gasthaus das in direkter Verbindung mit dem gegenüber liegenden Bordell steht. Sonst Nichts. Dieses Gasthaus gibt es 30 Jahre später immer noch und es verteidigt auch heute noch die Fleischküche und ein wenig auch das morbide Flair. I like.

Zurück ins Jahr 2019. Die Neubauers sind schon lange keine Trendsetter mehr. In meinen Augen sind sie sehr angepasste Wesen, meistens Österreicher, wahrscheinlich zugezogen, aus der Provinz. In Wien vertreten sie einen Lifestyle der rund um die christlichen Feiertage kurzweilig auch wieder abgelegt wird. Oder, hast du schon einmal erlebt, dass Felix aus der Lindengasse bei Oma in Wels auch eine Bionade mit Minzgeschmack bestellt? Nein, da werden die Festtage gefeiert wie eh und je. Man isst geile Torten, Schweinebraten und schaut gemeinsam Unterhaltungssendungen im Fernsehen an, oder betet den Rosenkranz. Ganz normal. Mit dem Zug geht es zurück nach Wien. „Danke Oma für den Geldschein (den du mir rüber geschoben hast als ob es Weed wäre). In den nächsten Wochen kann ich mir damit wieder (Kürbislaibchen zum) Mittagessen bestellen.“

Anmerkung: Die nicht mehr 20-jährigen Neubauers fahren vielleicht auch nicht mehr zur Oma nach Wels, aber auf alle Fälle raus aus der Stadt, mit den Kindern, ohne Tofu.

Während meiner Karenzzeit war ich fast jeden Tag im Siebten unterwegs (übrigens, auch an den Feiertagen). Ich war regelmäßig auf Besuch in der Burggasse. Als wir im idyllischen Innenhof auf zwei Klappstühlen aus Holz saßen und Kaffee von der italienischen Espressomaschine tranken, sauste an einem dieser Tage die Nachbarin vorbei. Sie ist um die 40, veranstaltet regelmäßig Kulturfeste zur Förderung der Integration, legt in irgendwelchen Clubs Musik auf und ist insgesamt etwas Besseres. Sie teilte mit, dass sie umziehen werde, immer noch im gleichen Bezirk, aber viel günstiger. Irgendetwas um die […] Euro Miete, aber groß genug für 2 Personen. Ich staunte und wollte wissen, wie so etwas möglich sei. Stolz antworte sie: „Das war Glück bzw. SPÖ-Connections“.

Merke! Solange man über FPÖ-Wähler schimpft und Birkenstock trägt, gehört man zu den Guten.

Ich würde ihren Faux-Pas hier nicht anführen, wenn sie halbwegs nett gewesen wäre. Sie ist aber eine enorm arrogante Person. Sie grüßte mich außerhalb der Burggasse nie und machte sich über meinen Jeans-Mini-Rock lustig. Der geneigte Leser wird verstehen, ich zeige gerne nackte Beine (ohne Haare drauf). Ich war jedenfalls gekränkt. Und das hier war meine Retourkutsche. Now, peace!

Als ich meinen Artikel über das Phänomen in städtischen Hipster-Bezirken geplant hatte, kam mir die Idee, diesen Artikel auf dem Laptop zu schreiben, mich in die Rauch-Juice-Bar in der Neubaugasse (im 7. Bezirk) zu setzten und von dort aus loszulegen (Doppelmoral). Ich hätte es aber nicht gekonnt. Nicht etwa weil ich keine Hornbrille besitze, sondern weil mir das Lästern schwer gefallen wäre. Ich verbinde gute Erinnerungen mit der Rauch-Juice-Bar. Es war wie eine Art Tankstelle in meiner Babypause. Hier konnte ich ohne Barrieren mit dem Kinderwagen rein und raus fahren. Zur willkommenen Abwechslung auch einmal gut gelaunte Menschen in Wien sehen und in aller Ruhe meinen Sohn wickeln. Und zwar nicht auf einem anurinierten Fußboden, auf einer richtigen Wickelkommode. Danke Rauch Bar!

Meine Zeilen sollen also nicht damit schließen, dass ich sagen möchte: „Bobos, bleibt mir gestohlen!“. Ich wünschte mir einfach nur, dass es auf beiden Seiten des Gürtels kultige Lokale und „die bessere Welt“ gäbe. Und zwar nicht nur für die Weißen, die Studierten und die Gutverdiener.

hDas Titelbild oben ist übrigens kurz nach meinem Umzug in den 15. Bezirk entstanden. Treffpunkt Turnhalle, gleich bei mir ums Eck. Preiswerte Getränke und Speisen. Kulturveranstaltungen aller Art und noch Einiges mehr. Wer sich ansehen möchte wie sehr es hier „prenzlt„, hier geht es zur Website: [https://www.die-turnhalle.at/

Und wer erwartet hat, ich würde über den Prenzlauer Berg schreiben und jetzt enttäuscht ist? Hier bitte: [http://www.spiegel.de/reise/staedte/berlin-wie-prenzlberg-erobert-wird-a-377995.html]

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