Generation XY

„Aktenzeichen XY…ungelöst.Wer die Call-In Sendung im ZDF noch nie gesehen hat, bitte kommentieren! Wer in etwa sagen kann: „Ja, kenne ich, habe ich mit Oma geguckt. Gibt es die Sendung heute noch? Ja, genau, stimmt. Es gibt sie noch, aber nicht mehr mit Eduard Zimmermann und Standbildern. (Außerdem schaue ich sowieso fast nur Netflix.)“, gehört zur Generation „Y“. Die Bezeichnung „Generation Y = Why“ ist ein guter Zufall, aber ein Zufall.

„Y“ ist die Fortsetzung der „Generation X“, die nach den Babyboomern ins Spiel kam. Ich bin absolut ein „Why-Mensch“ und sehr froh in einer Zeit zu leben in der es viele Optionen und das Internet gibt. Aber in einer Hinsicht beneide ich die heutigen Oldys. Obwohl ich nur vermuten kann, dass es so war, wie ich denke: Sie erlebten mehr Intensität.

Ich male mir aus, wie es gewesen sein muss, zu einer Zeit aufzuwachsen, als Eltern sehr distanzierte Authoritätspersonen waren die ihre Ehehygiene streng geheim hielten. Als sexuelle Aufklärung IRGENDWIE passierte, jedoch nicht an Schulen im Unterricht stattfand. Als Nacktheit und Erotik etwas mystisch anmuteten.

Heutzutage wird man mit sexuellen Reizen förmlich beballert – durch Werbung

Pornos sind nicht nur kostenfrei, sondern auch barrierefrei verfügbar. Sexuelle Aufklärung wird pädagogisch nicht mehr als Prävention vor Missbrauch, oder ungewollter Schwangerschaft verstanden. Es ist meines Erachtens nach politisch gefärbt (im Sinne der Progression). Alles darf sein, alles soll sogar sein und wird als „normal“ unterrichtet. Für Jugendliche die noch nicht einmal ihren eigenen Körper verstehen, muss es überfordernd sein, die gesamte Palette sexueller Praktiken bis hin zum Transgendergeschlecht zu verstehen. NORMAL ist vorweg alles, das HÄUFIG vorkommt. Das schließt aber nicht aus, dass alles was seltener vorkommt oder ungewöhnlich wirkt, verwerflich wäre. Ich fände es wichtig, hier zu unterscheiden.

Was mich persönlich betrifft:

Als ich angefangen habe, mich mehr als Frau zu verstehen und nicht mehr als Mädchen, habe ich zeitgleich Sex and the City geschaut. Ich war ein großer Fan von der Figur Samantha Jones. Sie wirkte so souverän und unverwundbar. Sie brauchte keine Verliebtheit um Lust zu haben. Sie holte sich was sie brauchte und sie bekam was sie wollte. Ich dachte mir, WOW! So rockt man die Großstadt. Unbekümmert und leichtfüssig – einfach drauf los. Ich gab mich beim Ausgehen ebenso raubtierartig wie meine Serienheldin und es schockierte mich, dass nie die Reaktion kam, „ich bin vergeben“, oder noch viel bedeutender: „das ist mir zu billig“.

Ich sah gut aus mit Anfang 20, aber ich war austauschbar hinsichtlich meines Aussehens und mehr gab ich ja gar nicht preis. So kaltherzig wie ich auch vorging, so sehr bestrafte ich mich selbst. Mein Männerbild war mies. Ich war zwar nur wenige Male als Raubtier auf Beutejagd und ich hatte in meinem Leben zum Glück auch zwei wertvolle Beziehungen in denen es wirklich um Liebe ging. Zumindest für mich waren diese Beziehungen zu 100% exklusiv. Aber trotzdem bereue ich, dass ich auf Samantha Jones reingefallen war.

2018 erneut im Singledschungel unterwegs, war ich total aufgeregt dieses sagenumwobene Tinder austesten zu dürfen. Es hat an meinem bereits rehabilitierten Männerbild nichts zerstört. Oarg fand ich einfach nur, mir selbst beim „Wisch und Weg“ zu zusehen. Was soll man über Onlineprofile und Fotos schon ausmachen? Ich mache meine Bekanntschaften daher nur noch analog. Ich lächle, wenn mir jemand gefällt. Und jemand lächelt zurück, usw. Die Welt ist nicht dem Untergang geweiht. Aber in einer Hinsicht, fühle ich mich verdammt. Ich habe so hohe Ansprüche an meinen Körper und vergleiche mich mit Ikonen die ich persönlich gar nicht kenne. Und immer wieder ertappe ich mich dabei zu „performen“, Gefallen zu wollen, anstatt einfach nur zu genießen. Ich denke, dass nicht jeder dieses Problem hat. Es ist eher etwas persönliches, weniger die Schuld unseres Zeitgeistes.

Gernation Y

Was aber schon für die gesamte Generation Y zutreffen könnte, ist das verlorene Geheimnisvolle rund um Lust und Liebe. Triebe frei ausleben zu können ist zwar sicher eine gewisse Qualität der heutigen Sexkultur (ein besserer Begriff fällt mir nicht ein). Aber die Chance, Sex als Intimität und vor allem als eine rein sinnliche Erfahrung erleben zu dürfen, ist geschmälert. Ich erkläre das kurz.

Wir sind im Kroatienurlaub in eine FKK Zone geraten, eine Campinganlage, so groß wie mehrere Fußballfelder nebeneinander. Wir hatten uns verfahren und die Ausfahrt war lange nicht zu finden. Zuerst war ich beschämt wegen der Kinder am Rücksitz die protestierten. Dann ekelte ich mich vor den unzähligen Geschlechtsteilen die ich im Vorbeifahren genau auf Augenhöhe hatte. Und irgendwann wurde ich gleichgültig und hatte das Gefühl, irgendwie „schaun olle gleich aus“. Es relativiert sich mit der Zeit. Und so ist es mit dem Partnertausch und dem Kennenlernen auch. Die Schnelllebigkeit unterbindet den Tiefgang den eine erotische Geschichte haben kann. Der Kick versteht sich dann im „Wieder wen Neues zu finden“ und nach ewigen Wiederholungen hat es keinen Reiz mehr.

Ich bin nicht pessimistisch und überzeugt, dass es viele wunderbare Liebesgeschichten heute und morgen und für Jeden gibt. Aber ich denke, dass diese Magie des Verborgenen, diese Einmaligkeit, die frühere Generationen eventuell erlebten, für heutige Teenager weniger vorstellbar ist.

Und um jetzt nicht als olle Blogtante hier abzuschließen, noch ein Lob an die neue Generation. Es gibt mehr Verständnis und Kommunikation zwischen Frau und Mann und bei aller Youporn-Verwirrungen, die Y-pseloner und Z-ettler sind noch bei Sinnen und daher haben wir auch unsere sinnlichen Erfahrung – offline 🙂

Ein Kommentar

  1. Richard Dostal

    Ja, deine Vermutung will ich bestätigen, liebe Marietta, und als Oldie darf ich das hier sagen (bin 1 Jahr nach der Erstausstrahlung von Aktenzeichen XY… geboren): wir erlebten mehr Intensität, in sehr vielen Belangen. Wir hatten aber auch viel weniger Ablenkungen, daher wundert es kaum….
    Vor allem aber der von dir angesprochene erotische Bereich war überschaubar. Um sich so einer sexuellen Reizüberflutung, die man heute schon beim Surfen im Netz erfährt, selbst auszusetzen, hätte es schon erhöhte Anstrengung gebraucht.
    Ehrlich gesagt, da hat mich schon ein Wäschekatalog „aufgeregt“, oder die ersten Palmers Plakate…hui…
    C’est la vie, diese Zeit ist vorbei, und gut so. Klar, manches bleibt auf der Strecke, wie das Geheimnisvolle rund um Lust und Liebe, die Intimität. Leider!
    Dafür haben unsere Kinder heute Möglichkeiten, die sind phänomenal.

    Der für mich entscheidende Punkt sind doch nur die eigenen Bedürfnisse! Oder?
    Diese Magie des Verborgenen lässt sich auch heute erleben, wieder herstellen, sobald man den korrekten Umgang mit den heutigen Medien, Technologien erlernt!

    Viel Erfolg dabei wünscht euch Richard

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