Mal-le nicht mehr Reisen

Ein Anruf aus Salzburg, meine Mutter. Außer den Umfrageinstituten und meiner kleinen aber feinen Verwandschaft rief mich im Jahr 2018 kaum jemand an. Es war echt eine etwas freudlose Zeit. Ich war umgezogen, relativ frisch getrennt, enttäuscht vom Singlemarkt, überarbeitet und chronisch pleite. Ich war daher so dankbar für eine Einladung auf eine Woche Urlaub mit meinem Sohn und Oma. Es hörte sich so gut an. Warme Temperaturen, Zeit am Meer, viel Essen, nicht selber Kochen und vor allem ZEIT, hurra, viel Zeit mit meinem Sohn.

Es brauchte rasch noch einen Notreisepass. Der erste Kinderpass läuft nach einem Jahr ab und ist dann gleich nicht mehr gültig. In der Urlaubsvorfreude nimmt man diese Art von Erledigungen sportlich, weil dann, angekommen am Ziel, wird man für alle Strapazen entschädigt.

Die Billigfluglinien haben die besondere Eigenheit, dass sie nicht schön über den Wolken schweben und während des Flugs für Verköstigung sorgen, sondern sie schaukeln ihre Passagiere durch die Wetterzone. Jeder Höhenmeter weniger spart Treibstoff. Ein weiterer Vorteil: durch den heftigen Lärm der Turbinen wird das Gequatsche der Passagiere übertönt.

Ruckel-ruckel-bande, komm mach´ schnell Maschine und lande!

Angekommen in Palma de Mallorca, suchten wir zuerst unsere Koffer und später den Transfer vom Airport zum Hotel. Mir kommt vor, dass das Szenario in etwa immer dasselbe ist: Ein hektischer Reisebusfahrer reißt einem die Gepäckstücke vom Wagen und schleudert sie in den Gepäckraum. Als ob er schon an der Gangart erkennen könnte in welches Hotel die Leute müssen. Weil dieses Phänomen nicht erklärbar ist, will man sich absichern ob das eh der richtige Bus wäre. „Hola, una pregunta, Hotel Playa Hermosa?“

Der Fahrer kontert entnervt: „Si, Playa Blanca Hotel, si, si!“. „No, no, wir müssen zum Playa H-E-R-M-O-S-A…“ „Mostra´ m“ [katalanisch: zeig mir]. Es folgt weiteres Gekrächze in das Funkgerät. Das Gerede wird unterbrochen von einem Rauschen (noch nicht das Meer) und weiteren Piepstönen, und wieder Gekrächze. „Ich glaube, der fragt gerade nach“, meinte meine Mutter. NOT. Er erklärte uns pantomimisch, dass wir jetzt sofort einsteigen sollten, weil sonst führe der Bus ohne uns los (und wohin ist doch scheiß egal!). Während der Fahrer im Freien noch seine gefühlt hundertste Zigarette rauchte, kamen endlich Silke und Kai-Uwe von Ihrer verspäteten Maschine aus Bonn. Endlich ging es los.

„Jetzt haben wir es gleich geschafft“, sagte meine Mutter zu Ihrem Enkel. Offensichtlich, wollte sie sich mit dieser Aussage nur selbst bei Laune halten, weil dem Enkel war das völlig egal. Er würde normalerweise schon schlafen und hatte über seinem Bett nicht solche Knöpfe die stinkige, kalte Luft ausspeien. Er war eine Fahrt lang damit beschäftigt herauszufinden wie man diese Knöpfe steuern kann. Gar nicht. Air Condition ist einfach ein Must-Have. Selbst wenn es ein Reisebus aus dem letzten Jahrhundert ist und es draußen schon kühl ist, wissen wir alle – die Massentouristen wollen AC! Im Bus Vorne lief ein Radio mit kaum Empfang und einer Live-Fußballübertragung. Jedes Mal wenn der FC Weiß-Ich-Nicht eine Torchance erhielt, steuerte der Bus Richtung Leitplanken und der Chauffeur fluchte so in der Art: „de puta madre“. 300 Hotelstopps und 20 verpasste Tore eines mir nicht bekannten spanischen Fußballclubs später, strandeten wir endlich im Playa-del-irgendwas-scheiß-egal. Hauptsache Oma kann auch einmal eine rauchen und schlafen gehen wäre auch ganz gut.

Heute erinnert sich mein damals dreijähriger Sohn an ein Kuchenbuffet und an die Mücken in einem überdachten Kinderschwimmbecken. Das sind alle bisherigen Assoziationen zum Thema Urlaub und Spanien.

Meine ersten Gedanken an die Tage in Calla Ratjada sind allen voran an meine Mutter, als sie mit mir schimpfte. Ich hatte sogar ein wenig Angst vor ihr. Sie hasste es von mir zu hören, dass der klein bisschen längere Weg zum Meer lohnenswert sei, die Bucht paradiesisch schön und nahezu menschenleer. Ehrlich gesagt, war der ein klein bisschen längere Weg schon eher ein klein bisschen eine Wanderung. Ich kenne die Insel aus meinen Anfangzwanzig, als ich während der Sommermonate dort jobbte und eine innige Liebe zur hiesigen Natur entwickelte. Ich wollte nicht an einen Strand neben Silke und Kai-Uwe und mich daran erinnern, dass ich einst die voll gefressenen Touris belächelte um eines Tages selbst einer zu werden. Nee du! Meine Mutter fährt jeden Meter mit dem Auto und hatte schlichtweg kein Verständnis für die Wanderung. Am Abend nach einem guten Vino Tinto gab sie dann aber zu, dass es schon wert war so weit zu gehen und sendete ihrem Mann die schönen Bilder vom Meer.

Am Tag danach schlug ich vor in Hotelnähe zu bleiben. Cala Agulla ist ein wahrhaft schöner Strand. Eine Bucht mit weißem Sand, umrandet von einem Meer aus Kiefernwald und dem Meer. In der Hochsaison ist der Strand völlig überlaufen. Es war ja schon Oktober und dadurch genug Platz für eine exklusiv große Sandburg. Es war der schönste Tag in diesem Jahr und in diesem Urlaub.

Nur leider kam später eine große Welle die einerseits die Sandburg abtrug und gleichzeitig einen Kegelclub aus Bochum in unsere Sichtweite spülte. Wer meint, dass der Vokuhila ausgestorben wäre, der irrt. Egal ob Mann oder Frau, sie Alle trugen diese eine Frisur und plötzlich hatte ich einen Ohrwurm von: „Komm hol´ das Lasso raus“.

Wir packten zusammen und gingen zum Friseur. Wir hatten das sowieso im Programm. Nachdem mein Sohn wegen seiner abgestumpften Sandburg enttäuscht war und es ringsherum von den Bierdosen überall nur so zischte, hatten wir zu gut deutsch keinen Bock mehr auf Cala Agulla. Bis zur nächsten Buffetschlacht war außerdem noch ausreichend Zeit.

Der Heimflug war wieder sehr abenteuerlich. Kamikaze flogen wir zwar nicht, dafür sehr viel rauf und wieder „wowowoooo“ runter. Das war uns nach vorangegangenen, stundenlangem Warten auf eine neue Maschine, eine neue Crew, eine neue Auskunft und so weiter ziemlich schnuppe. Wir wollten einfach nur noch weg von der Insel. Eine traumhaft schöne Insel! Aber, eine Insel auf der man abseits der Gault-Milliau-Restaurants, Tapas mit Curry-Wurst-Aroma zum Essen bekommt. Eine Insel die zum Reiseziel vieler Schlagerfans und deutscher Auswanderer wurde. Ich bin kein Schlagerfan.

In Wien kann uns keine Welle die Sandburg wegspülen und außerdem kam kürzlich raus, dass Fliegen schlecht fürs Klima ist. Mal-le länger nicht mehr.

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