Too many excuses

Das wurde mir in der Woche der Isolation noch mehr bewusst. Ich hätte diese Woche sehr gut nützen können um: Nichts zu tun, um ganz lieb zu mir selbst zu sein, um Slow Food zu kochen, jeden Tag Fitness zu machen, die Wohnung auf Hochglanz zu polieren, um aus meinem Blog eine professionelle Website zu machen, um mir auszudenken wie ich in den nächsten Jahren leben will…

All das habe ich irgendwie nicht gemacht. Ich habe nicht Nichts gemacht und von Allem was ich machen wollte Nichts mit Qualität – also Nichts! Aber eben nicht gleich von vornherein Nichts – vorsätzliches Nichts.

Ich habe nicht einmal ausgiebig mit Freunden telefoniert mit denen ich schon längst mal wieder entspannt plaudern wollte. Und warum?

Weil ich im Dreieck hüpfe. Während ich ausmiste, brutzelt es in der Küche, Haare waschen wäre auch mal wieder gut, die Wäsche habe ich gemacht aber sie ist schon wieder da. Oh, hier ist noch das Buch zur Selbstoptimierung und die alte Gitarre. Wir waren noch nicht Einkaufen und der Kleine ist immer noch im Pyjama. Bin ich gestresst? Ja total.

Wenn die Krise vorbei ist, wird vielleicht Nichts mehr so sein wie es einmal war. Es könnte mir jedoch genauso gehen wie immer: ich bin an Etwas dran aber viel zu halbherzig, viel zu chaotisch.

Sollte ich die Zeit zu Hause besser strukturieren? Bekomme ich Alles nicht so hin wie ich es möchte, weil ich meinen Sohn nicht im Griff habe? Kann man überhaupt ein Kind „im Griff haben“? Er könnte jedenfalls um 8 Uhr im Bett sein – in seinem! Ich könnte mich vor den Laptop setzen und „abarbeiten“. Ich könnte mir den Wecker stellen und mit Yoga den Tag begrüßen. Warum bekomme ich das nicht gebacken?

Wir gehen gemeinsam um halb10 schlafen. Über die Nacht hinweg liege ich irgendwo da wo einmal meine Füße waren. Zum Aufstehen werde ich mit einem Kopfstoß begrüßt und Ansagen wie: „Heute will ich aber alle Heidelbeeren alleine essen. Spielst du mit mir Lego?“ Auf mein Angebot, einen Freund über Videotelefonie zum Spielen einzuladen wurde schulterzuckend geantwortet: „Wozu?“

Er braucht das nicht. Keinen Kindergarten, keine anderen Leute, keinen Spielplatz, keine Ausflüge. Es ist einfach so schön zu Hause. Ich mag unsere Wohnung auch und ich habe nicht das Gefühl mich großartig Austauschen zu wollen, Im Moment jedenfalls nicht. Mein Kopf ist überladen von der Coronageschichte. Was ist hier los? Ist das Alles nur ein Alptraum? Bin ich total verrückt geworden und bilde mir das Alles nur ein? Ohne das soziale Miteinander fehlt mir auch das Gefühl von Sicherheit. Ich bin irgendwie in so einer Art Schockstarre. Ich fühle mich total passiv. Und dementsprechend lasse ich mich auch immer wieder wie ein Roboter nach den Maßstäben eines Vorschulkindes aufziehen.

Irgendwie ist es ja auch so schön, wenn ich den ganzen langen Tag ein zufriedenes Kind um mich herum habe. Wenn ich erleben darf, dass weniger mehr ist, dass ich genug bin und Jemand gar nicht genug von mir haben kann.

Aber das ist total verrückt. Ich bin eine erwachsene Frau. Ich bin verantwortlich! Ich bin entscheidend und dennoch fühle ich mich genauso nicht. All das erinnert mich an die Zeit nach der Geburt. Ich spende Nahrung, Wärme, Zuwendung und Liebe. Ich spüre mich nur selbst viel zu wenig. Ich habe keine Vision, keinen Fokus und irgendwie keinen Plan. Ich will da raus. Ich will weg. Jetzt aber geht das nicht. Und irgendwie dann doch, indem ich in meinen eigenen vier Wänden vor mir selbst davonlaufe. Während ich eine halbe Seite lese, dirigiere ich meinem Sohn er möge sich die Hände waschen. C‘est nul! Eine einzige Freakshow!

Psychologisch betrachtet ist es eine Art Verlustangst. Wenn ich nicht zeitgleich auf mehreren Schauplätzen funktioniere, könnte ich etwas versäumen oder verlieren, nicht mehr dazu gehören. Ich muss wachsam sein, sagt mein strenger Ego.

Die Quarantäne ist der ideale Ort um bei sich Selbst wieder einzukehren und mit der sowieso allseits bestehenden Ungewissheit Freund zu werden. „Übe dich im Vertrauen, nur so wirst du frei sein!“, sagt eine der etwas lieberen Stimmen in mir die erst dann hörbar wird, wenn es rundherum still ist. Vertraue!

Okay, sage ich zu mir! … Ab Morgen! Jetzt ist es schon wieder halb 10 Uhr und Zeit ins Bett zu gehen. Jeder in seines! #wirschaffendas

2 Kommentare

  1. Richard Dostal

    Eine Anregung, die von Swami Vivekananda aus dem 19. Jahrhundert stammt:
    „Wir sind das, wozu uns unsere eigenen Gedanken gemacht haben. Achte darum auf das, was du denkst.“

    Liebe Marietta, danke für diesen Einblick in dein Wesen, deine Gesinnung, Ethik, die detaillierten Beschreibungen deiner Beobachtungen, Wahrnehmungen, Schlussfolgerungen …
    Die letzten Stunden, in denen ich fast deinen gesamten blog gelesen hab, waren wir Eins im Geist. Und d’rum geht’s mir jetzt besser! Bleib so! Ich find dich grandios!

    Nochmals danke, und viel Freude und Erfolg, Richard

    PS: Meine Schwester Annemarie (die dich kennt) hat mir den link zu deiner website geschickt, sie wollte mir was Gutes tun, wiedermal! Ist ihr gelungen!

    1. Mava Life

      Oh wie schön 🙏🙂 das freut mich sehr!!! Da hat sie uns beiden wohl einen großen Gefallen getan. Annemarie 💜

      Es ist immer wieder eine Überwindung für mich, persönliche Eindrücke und Gedanken zu teilen. Es passiert viel zu leicht, dass „freche“ Bemerkungen die lustig gemeint sind, falsch verstanden werden. Man hat darüber keine Kontrolle wie jeweilige Leser die Message aufnehmen. Umso erfreulicher, wenn es dort und da gelingt, für Aufmunterung zu sorgen.

      Danke dir für das schöne Zitat! 💫

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