Der Corona Lagebericht

Es ist die vierte Woche der Ausgangsbeschränkungen in Österreich. Die Ausnahmesituation fühlt sich, zumindest für mich, nicht mehr an wie eine radikal andere Woche. Es scheint keine interimistische Zeitspanne zu sein mit einem Anfangs- und einem Enddatum. Es sieht eher so aus als wäre es der Beginn einer neuen Zeitqualität, also einer neuen Ära.

Ich persönlich habe alle emotionalen Phasen durchgemacht. Ich hatte gewisse Ängste, Gefühle von Widerstand und Verleugnung und letztens die Akzeptanz.

Das bedeutet, dass ich mich nicht mehr frage „warum Corona“, „warum Sommerzeit“, „warum geschlossene Parks“; ich toleriere den Ist-Stand.

Wenn ich morgens aufwache, realisiere ich schnell, „es ist Corona-Frühling-2020“. Ich denke zum Beispiel gar nicht mehr daran heute ins Ramien Essen gehen zu wollen und muss auch nicht einen Gedanken später enttäuscht feststellen, dass dies ausnahmsweise nicht möglich ist. Ich finde diese Tatsache weder erfreulich, weil ich beispielsweise „eh lieber zu Hause äße“, noch finde ich es besonders frustrierend. Es ist wie es ist und das nennt man dann Akzeptanz.

Wenn ich mit meinen Freunden und Verwandten telefoniere, bemerke ich dass wir Alle in etwa ähnliche Phasen durchlaufen und bei Niemanden von uns eine starke Sehnsucht besteht, möglichst schnell in den vorherigen Alltagsflow zurück zu wollen. Niemand möchte den „alten Lärm“ in selber Form wieder zurück haben. Einige alte Gewohnheiten haben sich nun als falsch herausgestellt. Einige neue Gewohnheiten will man beibehalten. Das trifft jedenfalls auf mein persönliches Umfeld zu.

Viele meinen sogar, sie sähen die Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen auch nicht mehr als Licht am Ende des Tunnels.

Ich bedaure es nicht wirklich, dass es in diesem Jahr wahrscheinlich kein Donauinselfest und andere Großveranstaltungen geben wird. Ich verzichte gerne weiterhin auf Fast-Fashion-Shopping-Touren und Place-To-Be-City-Trips. Ich vermisse weder die vorbeiziehenden Busreisegruppen, noch die grölenden Fußballfans, #staythefuckhome, gerne längerfristig.

Im Zwangsretreat der Coronakrise wurde mir noch mehr bewusst, dass ich über Alles verfüge, dass ich für mich benötige. Mir ist auch aufgefallen, dass es unglaublich gut tut, abends im Freien die Beine zu vertreten, anstatt weiter weg zu fahren um dann dort andere zu treffen. Es ist derzeit weniger hektisch. Statt den lärmenden Flugzeugen am Himmel, sehe ich einen Sternenhimmel und das obwohl ich inmitten der Stadt lebe.

Weniger erfreulich finde ich es, dass ich in diesem Jahr nicht nach Salzburg, in die alte Heimat fahren kann. Ich habe für Ostern keinerlei Pläne und werde voraussichtlich alleine in Wien sein. Das finde ich schon etwas traurig, aber es ist auszuhalten. In Hinblick auf die beruflichen Perspektiven der nächsten Zeit, bin ich weniger zuversichtlich und nicht länger bereit mich den Beschränkungen widerstandslos zu ergeben.

Es geht um Perspektiven und Planungssicherheit

Ich war noch nie der österreichischen Tradition folgend, mich auf den Ruhestand als höchstes Lebensziel, zu fokussieren. Ebenso glaube ich auch nicht an den „Erlebniskonsum“ als die bessere Alternative des Savoir-Vivre. Meine persönliche Wunschvorstellung liegt irgendwo dazwischen.

Ich möchte mir etwas aufbauen und ansparen können, am besten risikolos. Ich möchte nicht „Jobben“ um Geld zu verdienen, sondern einen Beruf ausüben, noch lieber eine Berufung. Das klingt vielleicht utopisch, war aber irgendwann einmal möglich. Seien es die Zinsen die es für ein reguläres Sparbuch in den Neunzigern gab oder die Loyalität in der Arbeitswelt. Durch die langjährige Bindung an einen Betrieb konnte eine Person erst so richtig zum Experten ihres Gebietes werden. Sei es die Servicekraft eines Gasthauses oder ein Allgemeinmediziner der seine Patienten über Jahre hinweg begleitete. Durch langfristige Perspektiven entsteht überhaupt erst die Möglichkeit sich in seiner Berufung zu finden. Und diese Voraussicht ist derzeit nicht gegeben.

Möglicherweise klingt das alles sehr konservativ, obwohl ich den Fortschritt sehr schätze und auch die Möglichkeit im Laufe des Lebens immer wieder neue Optionen wählen zu können, anstatt in nur einem Beruf lebenslang tätig zu sein.

In Österreich ist derzeit Beides nicht möglich. Ich empfinde keine Gewissheit darüber, dass bewährte Strukturen beibehalten werden können und von Fortschritt – egal ob in der Bildung oder in der Wirtschaft – kann auch nicht die Rede sein.

Es scheint so als wäre die Regierung mit der Feinarbeit des aktuellen Krisenmanagements beschäftigt. Zukunftsweisende Diskussionen gibt es derweilen nicht. Ich erinnere mich zwar an einen Vorstoß der Bundesministerin Schramböck, die Autarkie im Produktionsbereich medizinischer Behelfe anzustreben. Aber war das schon Alles?

Unsicherheiten gab es auch vor der Coronakrise schon. Man investierte sein Einkommen unmittelbar. Entweder war das Einkommen (wenn überhaupt) ausreichend für laufende Ausgaben oder man investierte in Wertpapiere oder Immobilien. Ein Sparbuch hatten/haben die wenigsten. Fehlende Rücklagen sind jetzt auch das Problem mancher Freiberufler oder mittelständischen Unternehmen. Darüber könnten wir diskutieren…

Ich rolle nur noch mit den Augen wenn zum gefühlt hundertsten Mal ein Corona-Fallzahlen-Bericht präsentiert wird, während gleichzeitig zugegeben wird, dass dieser Bericht nicht aussagekräftig sei. Jap! Man macht sich nicht einmal die Mühe die Zahlen mit anderen medizinischen Fällen und Unfallopfern in Relation zu setzen.

Insgesamt scheint es so als ob die Ausgangsbeschränkungen eine einzige Disziplinierungsmaßnahme der Zivilbevölkerung wäre. Wenn es von politischen Rednern im Fernsehen heißt: „Wir schauen uns das Ganze an und dann werden wir entscheiden.“ Das klingt ja so als würde die gesamte Audienz aus unmündigen, debilen Gagabürgern bestehen.

Dringende Fragen an die Regierung wären: Was wird entschieden, auf welchen Daten fußen diese Entscheidungen und womit werden diese Maßnahmen begründet?

Ich bin wirklich wütend über die Tatsache, dass Schülern in Österreich der analoge Unterricht auf unbestimmte Zeit verwehrt bleibt und die mündliche Matura gleich ganz abgesagt wurde. Why so? Ich bezweifle die Verhältnismäßigkeit mancher Maßnahmen.

Den Lock-Down für Österreich zu beschließen war eine mutige und höchst wahrscheinlich notwendige und richtige Entscheidung. Ich war sehr beeindruckt zu erleben, dass die Mehrheit der Bevölkerung mit voller Kraft mitgeholfen hat Alles zu geben um diese Gesundheitskrise bestmöglich zu bewältigen. Und eben weil die Menschen ein hohes Verantwortungsbewusstsein bewiesen haben, wäre es mal an der Zeit diese Disziplin nicht nur in Worten zu würdigen.

Ich hoffe, dass die vorschriftsmäßige Rhetorik begleitet von Angstmacherei, bald wieder abgelöst wird. Die Zeit ist reif für die Rückkehr der Öffentlichkeit und kontroverser Debatten aller politischen Lager. Ich wünsche mir für mich und alle anderen, dass wir wieder souveräne Entscheidungen treffen können. Ich möchte nämlich selbstbestimmte Pläne schmieden und nicht nur selbstbestimmte Spaziergänge durchführen können. Außerdem ist die soziale Hängematte gar nicht so kuschelig wie Kurz einst behauptete.

Grobe Fahrpläne reichen zur Orientierung nicht mehr aus!

3 Kommentare

  1. Richard Dostal

    Vieles von dem Geschriebenen hier kann ich nachvollziehen, liebe Marietta.
    Dieser Zwangsretreat ist für mich schon eher eine Kartharsis, in mehrfacher Hinsicht. Diese Reinigung machen ja zur Zeit viele Systeme durch, nicht nur Menschen, Wird eh Zeit, oder?
    Und man (ich) kann „zero waste“ noch pragmatischer ausüben, passt!
    Über Politisches enthalte ich mich, da kenn ich mich nicht aus. Und Schülern würde ich nur zu gern helfen, gerade jetzt, aber die Angst obsiegt leider (wie so oft).

    Allen alles Gute!
    Ich empfehle mich an dieser Stelle mit einem passenden Zitat von Paul Watzlawick: Das Problem mit jeder Anpassung an die Umstände ist nur, dass letztere sich mit der Zeit ändern.
    Liebe Grüße, Richard

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