Ein Sommer wie damals

Gestern bin ich bei einem ZDF-Krimi der im Fernsehen lief eingeschlafen. Es war bestimmt nicht später als 22 Uhr. Jetzt ist schon der späte Vormittag und ich bin immer noch zu Hause. Es überrascht mich wie gemütlich ich sein kann. Statt morgens gleich loszustarten um vor der großen Mittagshitze alles erledigt zu haben, gehe ich es derzeit gelassen an.

In den vergangenen Jahren konnte ich in diesen Sommertagen und -nächten fast nicht schlafen. Die brütende Hitze in der Stadt lähmte mich komplett. Die Leute waren allesamt unausgeschlafen und aggressiv. Wenn die Temperaturen die 35-Grad-Marke übersteigen, eine Maisonettewohnung nur vom Tabakrauch eines Nachbarn durchflutet wird, ansonsten aber kein bisschen Wind durch die Gassen fegt, dann verteufelst du den Sommer. „Es ist Sommer unsere Lieblingsjahreszeit. Wir müssen gut drauf sein und alles genießen.“ Fuck that. Wenn sich das eigene Schuhwerk mit dem schmelzenden Asphalt auf der Straße vereinigt, dein Kreislauf kurz vorm Kollabieren ist und der Termin beim Zahnarzt nicht schon wieder verschoben werden kann, dann hilft dir die Tatsache „Sommer“ nun einmal auch nicht.

Dieses Jahr ist alles anders. Es ist Vormittag, ich habe Urlaub und ich bin zu Hause. Ich will in ein Freibad schwimmen gehen. Der Eintritt kostet heuer nur 3 € für Erwachsene, aufgerundet 42 Schilling . Die Bademode ist unaufgeregt und die Schlange vorm Buffet unendlich. Es stinkt nach Langos mit Knoblauchöl, Schankwein gespritzt, und Insektenschutzspray. Ich werde heute Nachmittag dort sein und mir ein Jolly-Eis kaufen. Anders als in meiner Kindheit, denke ich für einen Moment an die Inhaltsstoffe und den ökologischen Fußabdruck. Nachdem ich heuer nicht einmal in ein Flugzeug steigen werde, ist meine Bilanz in Ordnung. Ich könnte mir sogar noch ein Calippoeis und ein Twinny kaufen. Wo sind eigentlich die Wespen?

In meiner Kindheit gab es immer Wespen im Freien. Es gab Gläser am Tisch die Insekten einfangen konnten, aber nicht mehr hinaus ließen. Es gab jede Menge Bier am Tisch und einen Aschenbecher. Schnitzel mit Pommes und Ketch-up. Die Wespen ko-existierten mit uns. Sie stachen mich fast nie und wenn, dann stöhnte ein Erwachsener: „Mistviech“, während er mit seinen nicht desinfizierten Händen in den Getränkekrug langte und mir oder anderen Wespenopfern halbgeschmolzene Eiswürfel mit Bierschaum oder so auf die Stichwunde klatschte. Es war alles sehr unaufgeregt. Auch die Tatsache, dass lebensnotwendige Bienen leidvoll sterben mussten – in einem Glas zwischen Bier und Bierdeckel, während wir unser Schnitzel aßen – schien irrelevant. Die Biene kämpfte um ihr Überleben in dem durchsichtigen Glas während einer von uns mit einem Messer voller Ketch-up wild gestikulierte. Wie makaber waren wir eigentlich?

Manche meiner Freunde reisen dieses Jahr an die Adria mit ihrem PKW, nicht mit dem FlixBus. Teilweise können die Grenzkontrollen sehr lange dauern, aber das muss auch nicht der Fall sein. Wer es ans Meer schafft der ist wirklich cool. Wer Urlaub in Österreich macht ist vorbildlich. Ich bin einfach nur zu Hause in Wien. Abends trinke ich „Weiß gespritzt“ und habe Gänsehaut und Mückenstiche. Wenn sich die Wolken wieder einmal entleeren, kühlt es schnell ab. Die nackten Beine bieten ausreichend Fläche für die Gelsen die sich in den Pfützen am Boden paaren als gäbe es kein Morgen. Die Komination aus „abends frisch“ und Gelsenstiche erinnert mich sehr stark an meine Kindheit am Land.

Ein weiterer guter Vergleich mit meiner Kindheit und diesem Sommer 2020 ist: ich hatte KEINE ONs. Coronabedingt waren die „unter das Volk mischen“ – Abende äußerst rar und aus Respekt vor gesundheitlichen Folgen, wollte ich erst recht keine Rumknutschereien mit irgendwelchen Kurzzeitbekanntschaften. Nein, im Gegenteil! Die Zeit während des Lockdowns hat mich romantisch werden lassen und von daher gab es in diesem Sommer nur diesen einen Kuss. Meine Knie zitterten genauso wie damals als ich dreizehn oder vierzehen war.

Irgendwie hat sich das Leben etwas beruhigt und ich mich selbst auch. Anstatt auf meinem Handy zu swipen, Flugtickets zu buchen und Freizeitstress zu haben, genieße ich diese entschleunigte Zeit mit meinem Sohn und während er beim Papa ist und ich „frei habe“, mache ich neuerdings Dinge wie diese: „er liebt mich, er liebt mich nicht…“ Es geht nicht um das Ergebnis, sondern um den Genuss – einmal wieder ein bisschen in Tagträumen versinken zu können, als nur physisch zu fliegen. Für mich: Ein Sommer wie damals!

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