Serie: Annikas Abenteuer – Folge 2

Spiritualität statt Spirituosen.

Das wurde ihr mehr und mehr klar. Das, wonach sie sich sehnte, war Klarheit und Wahrhaftigkeit. Warum bloß wollte sie nicht schon eher einmal mit Yoga und Meditation beginnen? Ihr waren die affektierten Weiber mit ihren aufdringlichen Wettkampf-Asanas ungeheuer. Es gab ja auch die Möglichkeit Yoga in einer gewissermaßen orthodoxen Umgebung zu praktizieren?

So landete Annika in einer Bungalow-Wohnung am Stadtrand. Es roch nach Duftkerzen, Räucherstäbchen und Kernseife. Besonders authentisch, fand sie, war die Gastgeberin – ihre Yogalehrerin. Sie war eine ältere Dame mit Hippie-Chic und langen Achselhaaren. Annika war nicht alleine zu Besuch. Die Yogagruppe war insgesamt sehr klein und familiär. Das gefiel Annika.

Heute Abend würde sie Flo treffen, ihren Freund. Er war eine Weile verreist und kam heute zurück. Würde er Annika anmerken, dass sie einen Seitensprung hatte? Eher nicht. Annika hatte kein schlechtes Gewissen und Flo traute seiner Freundin so etwas gar nicht erst zu. Er dachte sie wäre ein Bücherwurm mit unaufgeregter Libido, etwas schüchtern, sehr zurückhaltend und vor allem: bescheiden. Das mochte er an ihr am meisten – Annikas Genügsamkeit. Er wunderte sich daher schon über ihren Wunsch Yoga zu lernen. Das war in seinen Augen unnötig, weil Annika ohnehin schon ausgeglichen wäre und darüberhinaus fand er spirituelle Praktiken auch etwas anrüchig. Er würde also noch weniger erahnen, dass Annika im Club Hainberg tanzen war, einen ziemlich abgefahrenen Trip hatte und zu gute Letzt auch noch eine Bettgeschichte mit einem DJ der privat dort feiern war und ihr die halbe Pille abgab. Mon Dieu! Never! No way, würde er so etwas von ihr denken. Vielleicht war das auch Annikas Motiv. Wirklich zufriedenstellend fand sie es nicht. Sie büßte immer noch ihren Exzess mit einer leicht depressiven Verstimmung.

Herr und Frau Knecht waren auf dem Heimweg. Annikas Nachbarn würden heute noch ihren Wellensittich zurück nehmen. Eine große Erleichterung für Annika, denn sie mochte das Vieh überhaupt nicht. Er erinnerte sie an Flo, ihren Freund. Woher diese tiefe Abneigung zu Flo aufkam, war ihr nicht ganz klar. Ihr wurde es überhaupt erst mehr und mehr bewusst, dass sie ihn mehr und mehr ablehnte.

Annika lernte Flo durch ihren Freundeskreis kennen. Sie hatten ähnliche Ansichten, zumindest während sie im Pub zusammen Bier tranken. Sie waren beide Single, eine der signifikantesten Gemeinsamkeiten. Nebst den gemeinsamen Ansichten die sich durch Lästereien über andere Leute am besten ausdrückten. Nachdem sie intim wurden und ihre gemeinsamen Freunde daraus eine Beziehung schlussfolgerten, willigten sie ein sich auch als Paar zu bezeichnen.

Flo lernte Annika lieben für die Vorstellung die ER von ihr hatte. Annika hatte von sich selbst keine definierte Vorstellung. Sie zitierte einfach klassische Eigenschaften wann immer sie danach gefragt wurde. „Gute organisatorische Fähigkeiten“, zum Beispiel, wenn sie ein Jobinterview hatte. Und in privaten Situationen vermied sie es, viel über sich zu sprechen und erklärte, wenn dann, welche Interessen sie hatte. Sie interessierte sich für Schmuck, Grafiken und Filme. Auch ein bisschen für Musik und ihre Freunde.

Herrn und Frau Knechts Wellensittich war schon alt. Dass er ausgerechnet heute sterben musste, war für Annika sehr unangenehm. Was ihr aber irgendwie Freude machte, war die Erfahrung ihres plötzlich eintretenden Mitgefühls. Sie musste sogar weinen. Das schweißte Annika und Familie Knecht zusammen. War das Mitgefühl eine Nachwirkung von der Nacht im Hainberg, oder wurde es ausgelöst durch ihre Achtsamkeitsübungen beim Yoga. Würde sie nun auch noch aufhören ihre Achselhaare zu rasieren?

„Das war doch nur ein Vogel!“, entgegnete Flo. Annika bemerkte schnell, dass es mit den Gemeinsamkeiten zu Ende ging. Früher hätte sie sich auch gedacht, dass es ohnehin albern wäre in der heutigen Zeit einen Wellensittich zu haushalten, eingesperrt in einem Käfig! Annika hätte sich reumütig entschuldigt, angeboten ein angemessenes Begräbnis zu organisieren und sich an den Kosten zu beteiligen. Etwas war heute anders als sonst.

War das ein Wendepunkt? Ist er auf subtile Art und Weise passiert?

Wie geht es weiter 🤷‍♀️

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