Serie: Annikas Abenteuer – Folge 5

Gibt es ein Happy End und wenn ja, hat es mit Liebe zu tun?

6 Monate waren vergangenen, seit der Trennung von Annika und Flo. Sie schrieben sich gelegentlich und entwickelten eine freundschaftliche Liebe zueinander. Annika konnte mit den Ambitionen ihres Exfreundes zwar nicht viel anfangen. Sie genoss es aber, mit ihm in Kontakt sein zu können und Gewissheit darüber zu haben, dass es ihm gut ging.

Hainberg und Annika lernten einander auch immer besser kennen und fühlten sich innig und stark verbunden.

Annika kündigte in ihrem alten Job. Sie behauptete auch nach Dubai ziehen zu wollen, weil sie Angst hatte, dass ihr Chef versuchen würde sie von der Kündigung abzuhalten. In Wahrheit hatte sie gar keinen Plan für ihre weitere Zukunft und das war ungewöhnlich. Irgendetwas in ihr hatte sich geändert, oder kam stärker zum Vorschein. Sie wusste noch nicht was es war, aber es war kreativ und lebendig. Ja, es war irgendetwas Lebendiges.

„Nimmst du dein Longboard auch mit?“, motzte Annika. Hainberg war bepackt wie ein zwanzigjähriger Backpacker. Als Draufgabe hatte er noch einen Talisman um den Hals gebunden. Sie fand ihn so albern und gleichzeitig wusste sie, dass sie ihm hoffnungslos verfallen war. Sie fühlte sich von seiner konsequenten Anders-Sein-Wollen-Art provoziert. Annika würde es nie zugeben, aber sie genoss es, diesen Freak an ihrer Seite zu haben. Es tat ihr gut. Vielleicht wäre sie ohne ihn etwas zu zwanghaft. Hainberg hingegen dachte über all das gar nicht erst nach. Er wusste, dass sie ihn mochte und er mochte sie. Daher verzichtete er darauf eine Begründung dafür zu haben, warum er und Annika ein Paar waren. Seine Haltung war fast schon pragmatisch, oder war er einfach tolerant?

Nur noch wenige Minuten bis zum Boarding der Maschine nach Brüssel. Von dort aus ging es mit dem Zug weiter. Hainbergs Sohn hatte Geburtstag und lud seinen Vater zu sich nach Belgien ein. Er wollte seine Geschenke persönlich überreicht bekommen. Hainberg mochte Belgien und natürlich freute er sich auch auf ein Wiedersehen mit seinem Sohn. Er wirkte kein bisschen nervös, im Gegenteil, er war wie routiniert.

Er schwärmte von einer Piste im Hafen von Antwerpen. Ideal für das Longboard und dramatische Schwarz-Weiß-Fotografien. Annika reiste mit, weil sie zum einen Zeit hatte und vielleicht auch, weil sie am Leben ihres Freundes teilhaben wollte. Es war ihr selbst nicht ganz klar warum sie das tat, aber sie war dabei. Sie kannte Silvi, Hainbergs ehemalige Mitbewohnerin und Mutter des Kindes, von kurzen Smalltalks über Videotelefonie. Silvi war auch ein Freak. Sie könnte perfekt zu Hainberg passen. Anscheinend waren die beiden aber nie verliebt ineinander und hatten darüber hinaus unterschiedliche Weltsichten. Ob sie zusammen sein wollten stand daher gar nie zur Debatte. Annika misstraute der Geschichte etwas, weil es ihr völlig fremd war. Es war so cool, viel zu cool, fast schon abgebrüht. Wie kann man cool sein, wenn man ein Kind in die Welt setzt?

Silvi arbeitet in der Brauerei ihrer Eltern und nebenbei als Wahrsagerin. Ihr Youtube-Channel ist ganz schön erfolgreich. Vor allem in der kalten Jahreszeit kommt sie den Anfragen für private Legungen gar nicht hinterher. Es geht fast immer um die Liebe und Silvis Hellsichten sind – so berichten die Kunden – fast immer zutreffend. Silvi hat selbst keinen Partner, sie ist Single und das, laut eigenen Angaben, aus vollster Überzeugung.

Als Annika und Hainberg bei ihr eintrafen, wartete sie nicht lange und drängte darauf dem Liebespaar die Karten zu legen. Für Hainberg war das kein Problem, aber er blieb auch nicht lange bei Tisch. Es wurde nach ihm verlangt. Der Kleine wollte mit ihm spielen und so bewegte sich Hainberg durch die Wohnung als wäre er jeden Tag dort. Annika blieb bei Silvi die ununterbrochen redete.

„Was mach ich hier bloß?“, fragte sich Annika. Sie saß da wie eine alte Salzsäule und hoffte die Kartenlegung würde bald vorbei sein. „Ein neuer Abschnitt beginnt! Annika, das ist großartig! Ein großes Arkana hast du abgeschlossen und kannst frohen Mutes in die Zukunft schreiten.“ , trällerte Silvi. „Was für ein Bullshit, Alter.“, dachte Annika. „Oh, das ist ja schön. Ich liebe Arkanas.“, flüsterte Annika. Ihr Blick ging hilfesuchend Richtung Kinderzimmer. Jemand sollte sie von der Scheiße befreien. „Könnte ich auch so ein Bier probieren?“. „Mi casa e tu casa. Sicher du Schätzele! Nimm dir was du brauchst!“, sagte Silvi.

Nachdem der Teil der Familienvereinigung abgeschlossen war, nützte Annika die Gelegenheit für Sightseeing in Antwerpen. Natürlich ohne Stadtführung mit anderen Touristen. Sie hatte – wie immer – ein straffes Programm und daher wenig Geduld für Hainberg. Abgesehen davon, interessierte er sich auch nicht für den Besuch des MAS, oder dem Rubenshaus. Er würde erst am Abend wieder dabei sein, wenn es zur Show der Modeakademie ging. Davor wollte er Longboarden, Fotos machen und Bier trinken und das im gemäßigtem Tempo.

„Ist Alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte eine junge Frau auf der Damentoilette.

„Woher weiß sie, dass ich Deutsch spreche? Kotzen ist doch international?“, dachte sich Annika.

„Yes, ja, danke. Leider etwas übel, aber mein Freund kommt gleich und kümmert sich.“, sagte Annika, bevor der zweite Schwall rauskam.

Die junge Frau verlies die Toilette und Annika robbte aus ihrer Kabine. Viel Wasser, bisschen Parfum, Kaugummi, ein Deostick, eine Haarbürste… Annika hatte immer Alles parat. Wie MacGyver, nur für Frauen.

Sie blickte in den Spiegel und wusste, sie konnte sich Selbstgespräche in Form von Ausreden ersparen. Sie war seit vielen Jahren bereits aufgeklärt und daher war ihr klar, dass Frauen die nicht verhüten empfänglich sein können. Sie war blass im Gesicht, ihre Augen weit aufgerissen. Die Haare standen zu Berge und sie wusste, es gibt kein Entkommen. Sie legte ihre Hand flach unter den Bauchnabel, blickte weiter in den Spiegel und fühlte sich überraschend cool, als sie dann auch noch in sich hineinflüsterte: „Ich werde dich lieben und umsorgen, so gut wie ich nur kann. Tu mir bitte nur einen Gefallen und werde nicht so bescheuert wie dein Vater.“

Da war es nun, das neue Leben! Annika würde Mutter werden und obwohl sie manchmal Angst vor Veränderungen hatte, freute sie sich. Denn es kommt Alles so wie es kommen muss, dachte sie sich.

ENDE

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